Zum Schluss stirbt der Protagonist in Mike Ries' Novelle an seinem Suff. Mike Ries seit Jahrzehnten
Graefekiezianer kennt das Trinkermilieu zu genüge und hat überlebt - er hat es geschafft trocken zu
werden und zu bleiben.
"Nein, eine Autobiographie ist es nicht", aber Mike Ries' Gesichtsausdruck und das Wiegen des Kopfes könnten auch sagen, aber ein bisschen schon. Wir sitzen vorm Café Ritz, draußen in den ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Nachwinters. Der Wirt begrüßt Mike Ries und verteilt weiter die neuen, schicken Stühle für die neuen Gäste. Die Neuen bringen Geld in den Kiez, der vor nicht allzu langer Zeit den Bewohnern und Bezirkspolitkern ein Sorgenkind war: viel Gewerbeleerstand, vermüllte Ecken, Probleme mit den jugendlichen Migranten; aber jetzt haben sich die Zeichen der Zeit geändert, der Kiez ist zu einer der beliebtesten Quartiere in Berlin geworden und die Verdrängung, neudeutsch Gentrifizierung ist schon in vollem Gange.
Mike Ries lässt skeptisch seinen Blick schweifen, "genau davon erzähle ich auch". Wie jenen Menschen, die keine Arbeit haben und die steigenden Mieten nicht mehr zahlen können und erst recht diejenigen die krank sind und deren Orte mehr und abhanden kommen, die ihnen einen sozialen Rückhalt boten und dadurch sich ins Abseits gedrängt fühlen, sich hier immer unwohler fühlen. Aber vielleicht kann dieses "sich Unwohlfühlen" für manche auch ein Auslöser sein, seine letzte Chance zu ergreifen, um sich aus der Umklammerung ihrer Alkoholsucht zu befreien.
"dry im graefekiez" speist sich aus den Tiefen eines Kiezes, dessen Protagonist immer tiefer sinkt und sich auflöst. Klingt traurig, vielleicht zu traurig, wenn nicht Mike Ries neben mir sitzen würde, das Happy End in persona.
fotoillustrierte Ausgabe
Paperback 84 Seiten 10.- Euro
erhältlich in der Ludwig Wilde Buchhandlung, Körtestraße 24