Horst Antes ist einer der international bedeutendsten figurativen Künstler. Er war dreimal auf der documenta vertreten, auf den Biennalen in Venedig und Sao Paolo präsent. Nun widmet der Martin-Gropius-Bau der einzigartigen, komplexen Arbeit des Künstlers eine Ausstellung.
Es gab nach dem zweiten Weltkrieg zunächst nicht viele Künstler, die noch an gegenständlicher Kunst hingen. Das Entartete, Abstrakte, eben das, was die Nazis verboten hatten, schien die einzige Möglichkeit zu sein, mit dem Schicksal des Zivilisationsbruchs fertig zu werden. Konzentrationslager, Hiroshima, wer konnte von diesen Tagen an noch so malen wie vorher? Von nun an sollte die Kunst nicht mehr irgendein Objekt, eine Ästhetik darstellen, sondern das Produkt persönlicher, ausgelebter Energie sein.
Harold Rosenberg, der inoffizielle Sprecher der neuen Strömung des abstrakten Expressionismus, schrieb 1952: "Was auf die Leinwand kam, war nicht ein Bild, sondern ein Ereignis." Unter diesem Eindruck begann Horst Antes sein künstlerisches Schaffen. Sein Lehrer, HAB Grieshaber, war für ihn wahrscheinlich eine figurative Gegenkraft - das bedeutet: die Suche nach Gegenständlichkeit. Es entstand - unter anderem um Grieshaber - die sogenannte Neue Figuration als Gegenbewegung zum abstrakten Expressionismus. Aber nicht als bloßer Rückfall in realistische Malerei, sondern als Weiterentwicklung. Abstrakte, informelle Elemente wurden in das Gegenständliche aufgenommen. Horst Antes selbst bezeichnete den zum abstrakten Expressionismus zugehörigen Willem de Kooning als Vorbild - dieser tat sich schon früh durch eine Verknüpfung informeller und figurativer Elemente hervor.
Die Geburt des Kopffüßlers
Die anfänglich drängenden, kühnen und sinnlichen Figuren Antes, die dem Abstrakten noch viel näher stehen, werden im Laufe der Jahre ruhiger, die Formen gebändigt. Die Zeiten seines Studiums in den 50er Jahren sind vorbei. Bald wird sein berühmter Kopffüßler geboren. Als das Studium beendet war, hatte Grieshaber seine Schüler ermuntert, wie der erste Mensch bei Null anzufangen. Aus den objektfeindlichen Wirren des Abstrakten heraus schuf er sich mehr und mehr an primitive, ursprüngliche Kunst angelehnte Gestalten.
Es war dieser Drang, der in ihm das Interesse für indianische Kunst weckte und die Grundlage für seine späteren Studien zur Mythologie und Kultur der Pueblo-Indianer wurde. Die Figuren, die er damit schuf, wurden der andere, eben figurative Gegenentwurf zur faschistischen, klaren Gegenständlichkeit der Nazis: Entartete Kunst a la Horst Antes, der Kopffüßler. Eine Figur, die in den 60er Jahren seinen Ruhm begründete.
Horst Antes entwickelt sich in den folgenden Jahren jedoch stets weiter. Immer mehr hin zum Klaren, zum Konstruktiven. Hin zu seinen spektakulären "Haus"-Bildern der letzten Werkphase. Am Ende wurde ein weiter Bogen gespannt, der ein komplexes Werk aufnimmt. Es war ein langer Weg, ein halbes Jahrhundert. In der Gesamtbetrachtung, bei einem oberflächlichen Blick, glaubt man zwei Pole zu erblicken: Der agressive Gestiker und der geometrische Minimalist, wie es der Kunstkritiker Donald Kuspit ausdrückte. Doch wenn man tiefer blickt, dann kann man trotz des bewusst vorgenommenen Stilbruchs der 80er Jahre eine Beständigkeit erkennen und die Suche Antes nach Ordnung.
Ein Ort der Wiederentdeckung und Neubewertung
Der Martin-Gropius-Bau widmet Horst Antes nun eine Ausstellung. Die Ausstellung konzentriert sich dabei auf Antes malerisches Schaffen von 1958 bis zum Jahre 2010. Also eben jener Entwicklung von der wilden Gestik zur ruhigen Konstruktion. Sie dient als Ort der Wiederentdeckung und Neubewertung und ist die erste große Einzelausstellung der Gemälde nach fast 20 Jahren.